Schon beim ersten Durchblättern macht diese Polemik gegen WDVS Spaß. Das Cover ist mit voller Absicht so langweilig wie eben WDVS sind, wäre da nicht die Titelschrift in einem leuchtenden Pink. Im Innern belegt die durch Luis Barragán bekannte Farbe, dass die schreibenden Architekten nicht an Chromophobie leiden, wie sonst viele ihres Standes. Ähnlich wie Adolf Loos, den sie häufig zitieren, schätzen sie den unverfälschten Charakter einmaliger Materialien. Wie der berühmte Architekt predigen sie eine inzwischen elitäre Form der Askese: Bauen mit dem Architekten!

Die Streitschrift ist grafisch ansprechend aufbereitet: jeder Seite Text ist ein aussagekräftiges Bild gegenüber gestellt: eine goldene Nase oder des Loossche Haus Moller „verfettet“ als künstlerische Statements und immer wieder die Hässlichkeiten des WDVS – ästhetisch wie ökologisch. Es werden gestalterische Fragen ebenso betrachtet, wie der Konsumhintergrund: „Das Geschäft mit der Angst kommt bei dem Verkauf von energiesparenden, das heißt weltrettenden Produkten zum vollen Einsatz.“

Am Ende enttäuscht das Büchlein ein wenig. Durch die Inhaltsangabe hatte man den Eindruck gehabt, dass Lösungen aufgezeigt werden. Tatsächlich erschöpft sich das Ende des ansonsten lesenswerten Textes in Definitionen zu Konsum- und Nachhaltigkeitskultur und lässt dabei vieles offen: „Nachhaltiger Städtebau wird eine komplett neue Ökonomie der lokalen Grundpolitik bedeuten“, ist der hoffende Schlusssatz eines Abschnitts. Zudem ist manche Grafik, wie die des „integrierenden Nachhaltigkeits-Dreieck“ zu retinal. So hat das Wuppertal-Institut in seiner Studie „Zukunftsfähiges Deutschland …“ festgestellt, dass mit dieser Art von Nachhaltigkeitsbegriff der Blick auf die Realität zukunftsfähigen Handelns verstellt wird. Doch solche Züge und Kniffe seien den Autoren zugestanden, ist Ihnen doch das zukunftsfähige Bauen ein echtes Anliegen. Und so schließen sie: „aufhören mit dem Einsatz von WDVS. Jetzt!“

Wärmedämmverbundsystem
und das verlorene Ansehen der Architektur.
Kerstin Molter und Mark Linnemann.
72 Seiten, 35 farbige Abb. Hardcover.
ML Publikationen, Kaiserslautern 2010
ISBN 978-3-00-0311860-3, 15,80 Euro

weitere Informationen:
Leseprobe
lesenswertes Interview mit den Architekten

Buchtipps – u.a.:
Fachbuchhandlung Karl Krämer
db deutsche bauzeitung, 1/2011

5 Antworten to “Rezension: “WDVS und das Verlorene Ansehen der Architektur””

  1. Achim Pilz sagt:

    Zu “Wahnsinn Wärmedämmung” http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/videos/minuten385.html. gibt es nun die fundierte Erwiederung eines Rechtanwaltes auf die PM des IVH: http://baurecht-haera100.blogspot.com/2011/12/wahnsinn-warmedammung_04.html

  2. Achim Pilz sagt:

    Im aktuellen Essay (Baumeister 1/12) plädieren die beiden Architekten für mehr Mut zu Visionen: http://www.baumeister.de/blog/ueber-die-verantwortung-des-architekten.html

  3. Achim Pilz sagt:

    zum Thema gab es einen Dämmkrimi im Fernsehen: Wahnsinn Wärmedämmung http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/videos/minuten385.html. Die Berichterstattung ist spanned. Der Industrieverband Hartschaum e.V. IVH bezeichnet in einer Pressemeldung ein Detail Sendung als tendenziös: http://www.haera.de.

  4. Bausatz sagt:

    Der städtische Raum ist der gemeinschaftliche Raum, Bewegungsraum und Treffpunkt. Sicher ist nicht nur seine Form von Wichtigkeit für die Gesellschaft, sondern auch die Art seine Entstehung (siehe wie man zement schmeist: http://www.youtube.com/watch?v=QGj-KkjwXJY&feature=player_embedded#!). Spass beiseite: Peu a peu mehr Verantwortung für zukunftsfähiges Bauen zu übernehmen würde uns allen gut tun!

  5. hans sagt:

    Natuerlich haben die Autoren und der Rezensent recht mit der Kritik am WDVS. Als Benutzer muss man sich fragen, ob es auch ein Aussen der eigenen Behausung gibt, das eine Wirkung auf das Umfeld erzeugt. Ist der staedtische Raum wertvoll und erhaltenswert? Traegt dieser zur Zufriedenheit einer Gesellschaft bei? Wenn diese Art Fragen mit ja beantwortet werden, dann muss man sich auch der Konsequenz bewusst sein – naemlich evtl. Mehrkosten und -arbeit zuzulassen und zu tragen bzw. zu foerden (durch die Politik).

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