In der modernen Architektur wird immer wieder versucht, durch Farben Nahbarkeit zu erzeugen. Bruno Taut hat es mustergültig  vorgemacht. Bei ihm hatten die starke Farbe und das Bauen einen sozialen Schwerpunkt. Wenn sich heute Gebäude durch ihre Gestaltung optisch in den Vordergrund drängen, darf durchaus danach gefragt werden, inwieweit das gerechtfertigt ist. Etwa bei der Wohnbebauung Zelgli in Winterthur. Sie überrascht durch intensive Blautöne, die sich wie in einer kubischen Camouflage über die Fassaden legen. So sorgte das Projekt der Architekten Peter Althaus und Markus Lüscher im Schweizer Winterthur für Furore. Es berauscht geradezu durch seine intensiven Blautöne, die Materialsprache und ein reiches sinnliches Angebot. Dabei ist das Konzept für die Oberflächen sehr einfach: Es kombiniert zwei Farben mit jeweils zwei Helligkeiten mit zwei Putz- und zwei Betonstrukturen. Das Haus der Farbe in Zürich lud die Gestalter zu einem Vortrag im Architekturforum Zürich ein.

Informationen zur Architektur der Siedlung.

Dekorative Farbe

Der Künstler Karim Noureldin ist für die Farbgestaltung verantwortlich. Er fragte sich, wie Zelgli, „diese große Bebauung, zu strukturieren“ sei. Wie er ihre Volumen „zerstören“ und ihnen „etwas hinzufügen“ kann, das „eine ästhetische Reibefläche erzeugt.“ Seine mannigfaltigen Entwürfe für die Siedlung zeigen, dass er sich dabei durch Erfahrungen von anonymer Kunst in Kairo inspirieren ließ. Von den ersten Ideen der Architekten – gelbgoldener oder grüner Sichtbeton – nahm er die starke Farbigkeit auf und arbeitete empirisch weiter. Er skizzierte Varianten, bei denen sich die unterschiedlichsten Farben und Formen über die Fassaden legen: Rote Fäden etwa, die die Horizontale betonten; oder Farbverläufe von rot und Blau, die sich in der Vertikalen verdichteten und auflösten. Der tatsächliche Farbton war dem Künstler im Entwurfprozess nicht wichtig. Wichtiger schien, dass seine Gestaltung etwas klar erkennbar Künstliches war. „Die Farbe ignoriert quasi die Elemente“, erklärte er. Der Entwurfsprozess wurde durch die Architekten und die Bauherren steuernd begleitet. Langsam kristallisierten sich kubische Felder heraus, die nicht nur über die Bauteile hinweggehen, sondern auch über den Materialwechsel von Putz und Beton. Meist machen sich die Farbfelder frei von bestehenden Kanten, wie etwa der Fenster. Auf den Hauskanten allerdings wechseln die Farbtöne fast immer.

Strahlende Farbe

Warum die Felder am Ende zwei Blautöne erhielten, konnten oder wollten weder Farbgestalter noch Architekten wirklich erklären. Der Architekt Lüscher sagte, dass es vielleicht Blau geworden sei, weil das Grundstück als eines der kältesten in Winterthur gilt. Er empfindet dieses Blau „als klares Statement“. Das leicht grünstichige Blau strahlt viel Licht zurück, dringt nach vorne und betont die Fläche. Dazu meint Matteo Laffranchi, Restaurator und Leiter der Materialwerkstatt am Züricher Haus der Farbe, das eine Veranstaltung über die Siedlung organisiert hatte: „Das Blau ist eine Überraschung, die mir gut tut, auch wenn die Farbe eine starke Künstlichkeit besitzt und etwas befremdend wirkt. Auch die Rythmisierung und Verzahnung der Oberflächen kann ich gut nachvollziehen. Ich finde die Farbigkeit in sich gelungen. Auch wenn sie nicht integrativ oder kontextbezogen ist. Wenn aber die Intervention so stark ist, dann sollte mindestens im Nachhinein auch eindeutig Position von den Architekten bezogen werden – Das habe ich bei dem Vortrag sehr vermisst.“ Kontextbezug vermisst auch Dr. Stefanie Wettstein, die Co-Leiterin des Haus der Farbe: „Das Aufsplitten in Flächen bringt einen Qualitätsgewinn. Positiv gesehen verlangt die Farbe nach einer Identifikation der Bewohner. Was sie aber nicht bringt ist eine Identifikation mit Winterthur und mit dem Ort. Sie hat damit nichts zu tun. Die Siedlung ist ein Satellit.“

Milderndes Grau

Auf einen sehr späten Einspruch der Bauherren ist zurückzuführen, dass nicht nur das Blau eingesetzt wurde, sondern auch zwei Anthrazittöne. Die anschließende Umgestaltung ist ein großer Gewinn für die Siedlung. Die Farbe kommt in Bewegung. Sie beginnt nun in der Horizontalen zu lagern, sich auszubreiten und landschaftlich zu werden. Dadurch wird auch der Raum wahrnehmbarer. Stefanie Wettstein erklärt: „Es entsteht Raum, indem die blauen Flächen Kontakt aufnehmen zu dem Gegenüber. Was mich allerdings irritiert, sind blaue Flächen, die unvermittelt ins Grau überlappen.“ Diese Überlappungen inszenieren die Architekten regelrecht -  besonders ersichtlich in den Fugen der Betonelemente. Sie werden durch einen körnigen Streifen verbreitert und knicken oben noch einmal ab. Damit verhaken sie die beiden Elemente geradezu.

Material schafft Nähe

Nicht nur die Farbe wechselt rhythmisch, sondern auch das Material, das sehr aufwendig differenziert ist: der Putz hat zwei unterschiedliche Körnungen, der Beton ist glatt oder graniert. „Das geht allerdings auf den blauen Flächen verloren“, meint Matteo Laffranchi  „Diesen Aufwand finde ich da nicht nachvollziehbar. Es entsteht der Eindruck, dass die starke Buntheit nicht im Einklang mit dem Untergrund konzipiert, sondern eher darüber appliziert wurde.“ Die Putzfelder abzustecken war sehr aufwendig. Alles in allem wurde die Fassade doppelt so teuer wie ein vergleichbare. Gerechtfertigt kann man sagen, für ein Element, das zwischen einer hochwertigen Architektur und den Bewohnern vermittelt. Auch wenn der Schattenwurf der beiden Körnungen nicht stark differenziert, so schafft dieses Gestaltungselement doch eine Nähe, lädt zum Berühren ein. So wird die Außengestaltung ein Ganzes.  Sie erhält etwas Archaisches und erinnert entfernt an die Zyklopenmauern der Etrusker. „Das Farbkonzept ist im positiven Sinne Dekorationsmalerei“, meint Stefanie Wettstein, die über Dekorationsmalerei um 1900 promovierte. „Es hat Qualitäten wie die alte Dekorationsmalerei, indem es primär Atmosphäre schafft.“

Farbe im Innenraum

Bei den silbernen Treppenhäusern ist das dekorative Element augenscheinlich. Hier werden Beton und Ziegel überspielt. In einem früheren Entwurf waren diese Bereiche orange gewesen und komplementär zu dem Blau gedacht. Das Orange hätte ziegelfarben werden können und hätte so die Struktur der verwendeten Ziegelsteine gespiegelt. Nun spiegelt das Silber die ähnlich wie die Pergolen gefertigten Absturzsicherungen. Mit den großen Flurlampen, die wie ein Vollmond in den Etagen stehen, wirkt das Ambiente noch künstlicher als die Außengestaltung. Man kann die Künstlichkeit des Materials hier sogar riechen.

Weitere Informationen:

Haus der Farbe in Zürich

Künstler Karim Noureldin

3 Antworten to “Wohnbebauung Zelgli – Farben werben”

  1. Marcella Wenger-Di Gabriele sagt:

    Ich finde es unverschämt, wenn die Architekten beim Treppenhaus dachten ´Machen wir es orange` oder welches Schwammerl hätten Sie denn gerne. Den Orangeanteil hätten sie gratis gehabt mit den verwendeten Porotonsteinen. Das Silber ist quasi die Ästhetik der autonomen Häuserbesetzungsszene. Das ist o.k. Dabei billig. In der Schweiz ist es halt auch so, dass der günstigste Anbieter den Auftrag bekommt. Bei Zelgli hätte man sich überlegen müssen, ob es wirklich bunt auch noch hat sein müssen. Es ist ein Zeitphänomen, dass wir das Bedürfnis haben, überall etwas tun zu müssen – zu designen.

  2. Achim Pilz sagt:

    Das glaube ich nicht. Die Architektur ist gut. Retinal gestaltet. Sie ist eher ein Tempel des Wohnens. Ein Wohngetto, fast autoritär designt. Da ist das Treppenhaus plötzlich silberfarben und der Mond geht auf. Aber es stinkt. Sollte man da mal baubiologisch messen? Wirklich gute Materialien konnten sie wohl nicht bezahlen.
    Zum Einordnen der Farbgestalterin MarcellaWenger-Di Gabriele: Sie unterrichtet am Haus der Farbe (http://www.hausderfarbe.ch/Team~Dozent-innen,88,detail-65.html) und wurde 2010 mit dem europäischen Farbdesignpreis ausgezeichnet.

  3. MarcellaWenger-Di Gabriele sagt:

    Ich sehe das ganz klar als eine konzeptionelle Überdosierung. Es gibt verschiedene Details an dieser Gartenstadt, die finde ich so unglaublich gut. Die Metallgestaltungen beispielsweise haben etwas Anarchisches. Die sind unglaublich stark. Sie sind narrativ, witzig, haben eine starke Ausstrahlung. Oder der Farbkünstler, wie er die Fassaden aufgelöst hat mit Texturen – das ist eine ganz schöne Geschichte.
    Da stellt sich mir die Frage, ob sich diese Teile gegenseitig verdient haben. Oder ob sie sich in der Addition gegenseitig neutralisieren.

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