zum Picasa Webalbum

Der Fluss Draa, der zwischen dem bis zu 4100 Meter hohen Atlas und dem Antiatlas fließt, führte im Frühjahr 2010 außerordentlich viel Wasser. Entlang seines Laufes grünte es dieses Jahr besonders intensiv. Seit den Zeiten der Berber werden die Felder unter den Schatten spendenden Palmen durch eine Vielzahl kleiner und großer Kanäle bewässert. In dieser Palmerie blühen Granatapfelbäume rot, Orangenblüten bilden duftende Wolken und morgens zwitschert ein Orchester von Vögeln.

Nach einem kurzen Stopp in Marrakesch nahmen wir ein Taxi über den hohen Atlas – das kostet so viel wie bei uns eine Busfahrt. Fünf Stunden später wurden wir in Asslim, unserem Zielort unweit von der kleinen Stadt Agdz, von Manfred Fahnert empfangen. Er ist Initiator, Herz und Seele des Projekts „lehmexpress“. Jahr für Jahr begeistert er Frauen und Männer, jung und alt dafür, eine Lehmburg der Familie Ait el Caid zu sanieren. Er leitet interessierte Studenten ebenso an, wie erfahrene Lehmbauer, angehende Wissenschaftler und handwerkliche Architekten. Dieses Jahr reichte die Altersspanne der Teilnehmer und ihrer Begleiter von drei Monaten bis zu 73 Jahren.
Zum Ankommen machte uns Manfred Fahnert mit der Umgebung und ihrer Architektur vertraut. Die Häuser in diesem heißen Teil von Marokko wurden aus der Schatten spendenden Mauer heraus entwickelt. Baumaterial war alles, was in der nahen Flussoase vorhanden ist: Palmen, Schilf und vor allem Lehm. Der Lehm wird gestampft, gestrichen und geputzt. Aus ihm werden Häuser zum Wohnen gebaut, die sich in den traditionellen Städtchen – den Ksars – mit ihren schattigen Straßen zusammendrängen. Die Ksars werden von wehrhaften Lehmburgen beschützt und überragt – den Kasbahs. Eine solche 160 Jahre junge Kasbah sanierten wir. Die Räume in ihren unteren Geschossen bestehen aus rohem Lehm und sind fast gänzlich geschlossen. Man taucht in ihren Schatten ein, wie in das Wasser eines angenehm kühlenden Swimmingpools. Wenn sich die Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnt haben, ist um ein oder zwei Ecken ein Lichtschimmer wahrzunehmen. Näher kommend beginnt der Schimmer zu strahlen: Sonnenlicht wird warm von Lehm reflektiert. In den Fensteröffnungen beginnt das Licht wieder zu gleißen. Die obersten Räume der Kasbah besitzen mehr Fenster. Durch sie weht ein erfrischender Wind und der Blick geht über den sich längs des Flusses hinziehenden Palmenwald.
Diese einmalige Architektur gilt es zu erhalten. Unsere Aufgabe war es, an einem Anbau weiter zu arbeiten, der eine marode Außenmauer der Kasbah stützt. Er besteht aus einem luftigen Vorraum mit großen, traditionellen Bögen und einem daran anschließenden, schattigen Raum. Sein Rohbau aus Stampflehm und einem groben Lehmputz war schon von anderen Helfern erstellt worden, als wir ankamen. Unsere Aufgabe war es, ihn innen herauszuputzten und ihm eine Mauerkrone aufzusetzen.
Zehn Tage lang schleppten wir schwitzend Lehm, siebten ihn und Sand und mischten sie im richtigen Verhältnis zu einem feinen Putz. Denn wir wollten den beiden einheimischen Meistern, die mit uns arbeiteten, zeigen, was für glatte Lehmoberflächen in Deutschland hergestellt werden. Sie brachten uns dafür viele traditionelle Bauweisen bei, beispielsweise wie man eine Treppe aus Palmhölzern und Lehm baut oder wie man Tadelakt verarbeitet, den berühmten marokkanischen Kalkputz. Kommuniziert wurde mit Händen und Füßen, lachend und singend.
Wir stellten Lehmsteine her, indem wir Strohlehm mit der Hand in kleine Formen strichen. Nach dem Trocknen wurde mit ihnen die Mauerkrone gemauert. Die im Lehmbau erfahrenen Teilnehmer experimentierten kreativ mit Schablonen und Materialien. So manche Pflanze wurde in den Putz eingearbeitet oder in seine Oberfläche eingedrückt. Zum Abschluss stampften wir auf traditionelle Weise einen Stampflehmblock mit den Füßen und einem Holz. So waren auch die Burg und die Mauern in der Palmerie entstanden, ebenso wie das Weltkulturerbe Ait Benhaddou, das eines unserer Ausflugsziele gewesen war. Ein Projekt ging zu Ende, bei dem alle Beteiligten gewonnen haben: wir Helfer lernten in einer lebendigen Tradition mit dem ältesten Baumaterial der Menschheit umzugehen. Die Besitzerfamilie kann dadurch ihre Burg erhalten. Regelmäßig führt sie Touristen durch die farbenprächtig gestalteten Räume. Nach diesen arbeits- und erlebnisreichen Tagen blieben einige Teilnehmer noch etwas im südlichen Marokko. Denn eine Woche später fand in Asslim und Agdz das ebenfalls von Manfred Fahnert mitveranstaltete Musikfestival „Rendezvous de la Musique“ statt. Dreizehn Musiker und Freunde waren dazu aus Europa angereist und verstärkten die regionalen Gruppen. Zwei Abende voller Musik und Tanz wurden zu einem vollen Erfolg für die Region und alle Musiker.

Informationen, Anmeldung, Kosten: www.lehmexpress.de

2 Antworten to “Farbiger Lehm – Sanierung einer marokkanischen Kasbah”

  1. Achim Pilz sagt:

    Die Gruppen für den LEHMEXPRESS 2012 sind beide voll. Ein japanischen Lehmputzmeister, Medienwissenschaftlerinnen, Schiffskapitäne aus der Antarktis, Kulturhistoriker aus der Schweiz sowie Architekten, Ingenieure, Denkmalpfleger/ Studenten werden sich wieder in Asslim tummeln. Das Projekt ist und bleibt ein gutes Beispiel für die Welt.

  2. Achim Pilz sagt:

    Wer den musikalischen Teil des Projekts unterstützen möchte, oder neugierig ist, welche Musiker demnächst spielen werden: http://www.dindum.com

Eine Antwort hinterlassen

(erforderlich)

(erforderlich)

Comment Spam Protection by WP-SpamFree