Am 13.03.2012 hätte der universelle Gestalter Otl Aicher seinen 90. Geburtstag gefeiert. Er gründete die Hochschule für Gestaltung in Ulm und saß mit so bekannten Architekten wie Behnisch, Forster, Nouvel, Rice an einem Tisch. Auch in der „Zeit“ schrieb er über Städtebau (1968). 1972 baute er drei moderne Häuser. Den kleinen Weiler aus Neu- und Altbauten nannte er die „autonome republik rotis“. Was ist aus diesem architektonischen Erbe geworden? Wie hat sich Rotis verändert?

Rotis Geschichte
Nach dem Auftrag für die visuelle Kommunikation der Olympiade 1972 in München, erwarb Otl Aicher mit Hilfe seiner Frau Inge Aicher-Scholl eine bestehende Wassermühle in Rotis bei Leutkirch im Allgäu. In den folgenden fünf Jahren ließ er vier Gebäude abreißen und ergänzte den Bestand, ein Wohn- ein Wirtschaftsgebäude und einen Stall, um drei moderne Bauten. Das Atelier, das Büro und der Präsentationsraum sind ähnlich geometrisch reduziert wie Aichers grafische Arbeiten. Form follows function – mit grafischen und klaren Details – war auch hier seine Devise: Nordlicht über Sheds, freie Bodenfläche durch Aufständerung, Stahlstützen mit einfacher Vertäfelung. Die Holzverschalung war schwarz gestrichen, leichte Rahmen neben den Fenstern verliehen der Fassade eine raffinierte Tiefe. Leichte, offene Treppen erschlossen die Gebäude von außen.

Umnutzung als Wohnung
Das »büro« bestand aus vier aufgeständerten Segmenten und wurde von unten erschlossen. 2004 wurde es von der Familie Aicher verkauft und von den neuen Besitzern zu einem Wohnhaus ausgebaut. Nun stemmt sich eine Betontreppe unverhältnismäßig massiv gegen den leichten Bau. Hinzu kamen eine komplette Verglasung der Südseite und eine Naturholz-Fassade, die nun nicht mehr so grafisch-nüchtern wirkt wie das Original.
Am meisten Interesse weckt der temporär nutzbare Präsentationsraum mit Toren in der Fassade, die hochgekurbelt werden konnten. Als einziger ist dieser zweigeschossige Aufbau mit fünf Sheds nicht aufgeständert. Der mit Otl Aicher befreundete Norman Foster nannte ihn wegen seiner überraschenden Großzügigkeit »Kathedrale von Rotis«. Aichers Sohn Julian baute 2004 drei Segmente davon zu einem Wohn- und Bürohaus aus. Auch hier ist die Südwand des Wohnteils nun über ein Geschoss voll verglast. Obwohl die Fensterprofile nicht so filigran sind wie beim »büro«, sind die Eingriffe sonst zurückhaltender. Zwei Segmente wurden erhalten und erinnern an den großzügigen und einfachen Raum.
Der aufgeständerte Shedbau »Atelier 18« wurde als Fotolabor und Büro genutzt, heute dient er als Lager. Energetisch ist das Ensemble quasi autark. Otl Aicher hatte die Turbine der Wassermühle von 1924 erhalten. 1994 sanierte sie sein Sohn und vervielfachte dadurch den Stromertrag. Zusammen mit Solarthermie- und Photovoltaikanlagen wird mehr Energie erzeugt und ins Netz eingespeist als verbraucht.

Die nächste Generation
Heute lebt auf Rotis die nächste Generation der nachhaltigen Gestalter. Julian Aicher vermittelt Nachhaltigkeit. Florian Aicher ist Architekt, der mit dem werkraum bregenzerwald auch Zumthor zu einem Bau beauftragt.

Neues Buch: “otl aicher, gestalter” von Eva Moser. Eine gewichtige Bibliografie, grafisch schön gestaltet von Berthold Weidner einem ehemaligen Mitarbeiter Aichers. Inhaltlich informativ, flüssig geschrieben, dabei gründlich wie eine Doktorarbeit.