Glenn Murcutt empfängt mich in seinem kleinen Stadthaus, in Mosman, einem alten Viertel mit meist zweigeschossigen Bauten in Sydney, der größten Stadt in Australien. Der Weg durch die City an den Hochhäusern vorbei, ermahnt mich, was die gängige Realität des Bauens heutzutage ist. Glenn Murcutt ist da eine große Ausnahme, wie viele andere Pritzker-Preisträger auch. Er baut mit dem Klima, mit der Landschaft und mit der Natur; mit all dem, was er sinnvolles vorfindet. Er sei für das Bauen geboren, sagt er. Er hat alle Bau-Gewerke gelernt und weiß auch sehr gut mit Holz umzugehen. Stolz arbeitet er mit jeder Faser für eine Architektur als Medium für Kultur. Ihm macht es nichts aus, eine Woche länger an einem Projekt zu arbeiten, wenn es besser wird. Ob er in dieser Zeit sechshundert oder tausend Dollar weniger Umsatz macht, das interessiere ihn nicht. Er habe mit seinen Klienten immer ein freundschaftliches Verhältnis und hole mit ihnen zusammen das Beste raus. Sein Vater schon war Bauunternehmer. Er kam mit dem jungen Glenn aus Neuguinea nach Australien. Glenn Murcutt war also immer ein bisschen Außenseiter und erzählt, dass ihn die australischen Aboriginal – ursprünglich die Eingeborenen und heute die Außenseiter – irgendwann gefragt haben, ob er für sie baut. Eines seiner schönsten Gebäude ist so entstanden, dessen Bauherren begeistert sind. Sie haben ihn dann gefragt, ob er nicht in ihre Familie adoptiert werden will. Doch er hat dankend abgelehnt, denn dann wäre das kleine Haus in Mosman auch das Haus der Familie, was bedeute, dass mitunter 16 Leute dort wären, alle rauchend. Das könne er nicht. Aber er wurde Patenonkel eines Aborigine. Er ist jetzt bald achtzig und immer noch voll tätig als Architekt. Zwischen seinen zahlreichen Verpflichtungen als Jurymitglied plant er akut mit einem Partner eine Moschee und mit seiner Frau ein Wohnhaus, das demnächst fertig gestellt wird.

Modernisierter Altbau
Von 2000 bis 2003 baut er für sich und seine Frau das Murcutt-Lewin House and Studio um. Das recht kleine Stadthaus in Mosman ist von außen kaum sichtbar modernisiert, von innen grundlegend. Wunderschön geht der Pritzkerpreisträger mit Licht um. Er öffnet einen Schlitz in der Außenwand, so dass eine Innenwand von der Seite magisch angestrahlt wird. Und er öffnet die komplette Fassade zum Garten mit den indigenen Pflanzen mit von Hand entworfenen Fenstern. Den Garten mit den lokalen Pflanzen muss er nicht wässern und deswegen habe er auch keine Mücken. Die Fenster stehen das ganze Jahr offen. Sie haben einen äußerst intelligenten und raffinierten Verschlussmechanismus und sind einfach und schön gefügt. Das alte Dach löst er auf und holt Licht über Oberlichter herein. Innen leitet er das Licht auf eine raffinierte Art und Weise – magisch schön. Wunderbar wie er das Morgenlicht mit einer gläsern aufgelösten Hausecke einfängt. In das frühe Licht lege sich sein Hund besonders gerne.

Die Weisheit des Bestands
Um toten Raum unter dem Dach zu vermeiden, setzt er Lamellen ein, die die Dachschräge offen abgrenzen und zugleich das Alte durchspüren lassen. Das Alte durchspüren zu lassen ist durchgängiges Thema des Hauses. Lamellen an verschiedenen Orten verweisen auf das Dahinter. Das Bad liegt hinter drei Bestandsfenstern, die zur Straße hinaus gehen. Der Gestalter von Licht schließt die Fenster mit lackierten Holzplatten, die er ornamental perforiert, so dass nachts ein klein wenig Licht nach außen dringt, ohne dass man hineinsehen könnte. Tageslicht erhält das Bad durch ein neues Fenster über der Dusche. Große Türen, asymmetrisch wie bei Le Corbusier gelagert, begrenzen den Eingangsbereich. Die Treppe ohne Geländer erhebt sich langsam aus diesem Übergangsraum zum Obergeschoss. Unter der Treppe liegt die Küchenzeile. Der anschließende Wohnbereich ist um eine Stufe höher gesetzt, um Kopffreiheit im Untergeschoss zu haben. Dort ist der Arbeitsbereich des Architekten mit Büchern, Zeitschriften und Gemälden von Aboroginal-Künstlern, die das Pointillistische und Lineare fortführen, das ihre Kultur ausmacht. Der dunkle Holzboden ist aus recycelter Pinie. Er hat die Zahlen parat, wie viel Energie für die Produktion von Metall und Holz benötigt wird. Er sagt in der Wiederverwendung sei Metall dann doch wieder nachhaltig, aber Aluminium verwende er ganz wenig, für Fenster etwa. Schön detailliert ist die in schlanke Streben aufgelöste Stahlstütze im Keller. Wieder verwendet hat er auch die inneren Ziegel der ehemals zweischichtigen Wand. Mit ihnen hat er das Haus ein Stück weit zum Garten verlängert. Dann hat er die Außenwand innen gedämmt und eine speicherfähige Schale davor gesetzt.

Natürliche Belüftung
Auch das Murcutt-Lewin House and Studio hat keine Klimaanlage und lässt sich komfortabel natürlich lüften. Der Gestalter hat auch eine Vision von Sydney, wie die Stadt durch die frische Brise vom Meer gekühlt werden könnte. Pflanzen in Architekturfassaden zu benutzen, wie es gerade in downtown Sydney hipp ist, hält er allerdings für falsch. Er nimmt an, dass das diese die Luftzirkulation verschlechteren. Es lohnt sich, das nachhaltige und klimagerechte Bauen dieses Preisträgers zu studieren und seine Begeisterung weiter zu tragen.